Eine Stadt wie ein Buch
Wenn aus einem Fluss eine Hauptstadt der Kultur wird
Weimar ist klein. Sie hat keine sechzigtausend Einwohner, keinen Wolkenkratzer, kein lärmendes Zentrum. Und trotzdem hat kaum eine andere deutsche Stadt so viel zur europäischen Kultur beigetragen. Wer durch ihre Gassen geht, der bewegt sich in einem dreidimensionalen Geschichtsbuch, in dem auf jeder Seite ein anderer berühmter Name steht.
Die Ilm fließt mitten durch die Stadt, und genau diesem Fluss verdankt Weimar eines seiner schönsten Gesichter: den Park an der Ilm. Über drei Kilometer zieht sich diese großzügige Anlage entlang des Wassers, mal als englischer Landschaftsgarten, mal mit antikisierenden Tempelchen und Brücken, immer aber im Sinne jener weiten, freien Natur, die Goethe so geliebt hat. Wer am Morgen über die Holzbrücke geht und auf den Nebel über dem Wasser schaut, versteht, warum hier so viele Gedichte entstanden sind.
Schon im achtzehnten Jahrhundert wurde Weimar zu einem geistigen Magneten, weil die Herzogin Anna Amalia und ihr Sohn Carl August die wichtigsten Köpfe ihrer Zeit an den Hof zogen. Goethe kam, blieb, regierte als Minister und schrieb. Schiller folgte, wenn auch zögernd. Herder und Wieland gehörten ebenfalls dazu. Aus dieser kleinen, dichten Konstellation entstand das, was wir heute als Weimarer Klassik kennen – eine literarische und philosophische Bewegung, die den deutschen Geist über Jahrhunderte hinweg geprägt hat.
Goethehaus und Schillerhaus
Das Goethehaus am Frauenplan ist mehr als ein Museum. Es ist die Wohnung eines Mannes, in der die Möbel, die Sammlungen und sogar die Tapeten erhalten geblieben sind. Man steht in seiner Schreibstube, sieht den schmalen Stehpult, den er bevorzugte, und ahnt, wie hier Texte entstanden, die bis heute gelesen werden. Im Schillerhaus an der Schillerstraße ist die Atmosphäre privater, fast familiär. Hier hat Friedrich Schiller seine letzten Jahre verbracht und „Wilhelm Tell“ geschrieben.
Beide Häuser ergänzen sich, und beide gehören zum UNESCO-Welterbe „Klassisches Weimar“. Wer sich Zeit nimmt, kann an einem Nachmittag durch beide Wohnungen gehen und spürt sehr genau, wie unterschiedlich diese beiden Männer waren – und warum ihre Freundschaft trotzdem funktioniert hat.
Pflasterstein, Stuck und Stille: die Altstadt Weimars an einem frühen Morgen.
Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Wenige Bibliotheken sind so eindrucksvoll wie der Rokokosaal der Anna Amalia Bibliothek. Helle Galerien, weiße Stuckarbeiten, dazwischen Tausende historischer Bände – und in der Mitte das Licht, das durch die Oberfenster fällt. Im Jahr zweitausendvier zerstörte ein verheerender Brand große Teile der Bestände, doch die folgende Restaurierung wurde zu einer der bewegendsten Erfolgsgeschichten der deutschen Kulturgeschichte. Heute ist der Saal wieder zugänglich, allerdings nur mit zeitlich begrenzten Tickets, weil das alte Holz und die Bücher empfindlich sind.
Stadtschloss und Markt
Direkt neben der Ilm steht das Weimarer Stadtschloss, eine ausgedehnte Residenz, die bis heute renoviert wird. Ein paar Schritte weiter erreichen Sie den Marktplatz mit dem Rathaus, dem Cranachhaus und dem berühmten Hotel Elephant, in dem schon Thomas Mann logierte. Die Cafés rundherum laden zum Sitzen und Beobachten ein. Wer in Weimar Urlaub macht, sollte sich eine Stunde am Markt gönnen – einfach nur, um zu schauen, wer alles vorbeikommt.
Vergleich der wichtigsten Klassiker-Orte
| Ort | Worum es geht | Empfohlene Dauer |
|---|---|---|
| Goethehaus am Frauenplan | Wohnhaus und Sammlungen Goethes | 1,5 – 2 Stunden |
| Schillerhaus | Wohnhaus Schillers, letzte Lebensjahre | 45 – 60 Minuten |
| Anna Amalia Bibliothek | Rokokosaal mit historischen Beständen | 1 Stunde (mit Ticket) |
| Park an der Ilm | Landschaftsgarten am Fluss | 2 – 3 Stunden |
| Stadtschloss | Residenz mit Kunstsammlungen | 1,5 Stunden |
| Bauhaus-Museum | Geschichte des Bauhauses | 1 – 2 Stunden |
Bauhaus, Republik und das schwere Erbe
Weimar steht nicht nur für die Klassik. Im Jahr neunzehnhundertneunzehn gründete Walter Gropius hier das Staatliche Bauhaus, eine Schule, die das gesamte zwanzigste Jahrhundert in Architektur und Design verändern sollte. Ebenfalls neunzehnhundertneunzehn tagte in Weimar die deutsche Nationalversammlung und verabschiedete eine Verfassung, die der jungen Republik ihren Namen gab: die Weimarer Republik. Und nur wenige Kilometer entfernt, auf dem Ettersberg, errichteten die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Buchenwald. Diese drei Schichten – Klassik, Demokratie, Verbrechen – nebeneinander aushalten zu können, gehört zum Charakter dieser Stadt.
„Hier ist die schönste Aussicht von der Welt.“ – Goethe über den Park an der Ilm
Praktisches: Wann besuchen, wo bleiben?
Weimar ist zu jeder Jahreszeit reizvoll, doch für die meisten Gäste sind Mai und September die schönsten Monate. Im Frühling blüht der Park, im Spätsommer ist die Stadt weniger voll, und das Licht über der Ilm wird golden. Wer länger bleibt, findet in der Stadt selbst und in den umliegenden Dörfern reichlich Ferienwohnungen, oft in alten Gutshäusern oder Pfarrgebäuden. Restaurants gibt es vom regionalen Wirtshaus bis zur experimentellen Küche; gerade die kleinen Gassen rund um den Markt halten manche Überraschung bereit.
Wer vom Bahnhof zu Fuß in die Altstadt geht, braucht etwa fünfzehn Minuten. Es gibt aber auch Stadtbusse, und vor allem Fahrräder lassen sich ausleihen. Die Ilm ist von praktisch jedem Punkt der Innenstadt aus in wenigen Minuten erreichbar. Wer ein Auto mitbringt, sollte es am Rand abstellen – die historische Mitte ist für Fußgänger gemacht.
Was Weimar wirklich besonders macht
Es ist nicht ein einzelnes Gebäude, das Weimar so unverwechselbar macht. Es ist die Verdichtung. Auf wenigen hundert Metern liegen ein Wohnhaus eines Weltdichters, eine der schönsten Bibliotheken Europas, ein Park, in dem ein Fluss sich windet, ein Schloss, ein Bauhaus-Museum, mehrere Theater. Und überall, an Ecken und Mauern, sieht man, dass diese Stadt gewohnt ist, mit großen Geistern zu leben. Sie macht kein Theater darum. Sie zeigt es einfach – wenn man hinschaut.