Ein Tal, viele Schichten
Wenn Geschichte zur Landschaft wird
Manche Regionen besitzen ihre Geschichte wie eine Trophäe, die im Schaufenster liegt. Im Ilmtal ist es anders: Die Geschichte ist hier in den Steinen, in den Parks, in den Schulen und in den Werkstätten zu Hause. Wer aufmerksam zuhört, hört sie auch in den Gesprächen der Einheimischen.
Vier Schichten lassen sich grob unterscheiden, und sie liegen oft buchstäblich übereinander. Da ist zum einen die Weimarer Klassik mit Goethe, Schiller, Herder und Wieland, die im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert eine literarische Blütezeit ausgelöst hat. Da ist zum zweiten die Geschichte der Industrie, vor allem in Jena, wo Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott die optische Industrie begründeten. Drittens das Bauhaus, gegründet neunzehnhundertneunzehn in Weimar, das die Architektur und das Design des zwanzigsten Jahrhunderts neu erfand. Und viertens die Weimarer Republik, die im selben Jahr in der Stadt ihren Namen erhielt und damit die erste deutsche Demokratie verkörpert.
Weimarer Klassik – wie aus einer kleinen Residenz Weltliteratur wurde
Die Geschichte der Weimarer Klassik beginnt mit einer Frau, die heute oft im Schatten der Männer steht: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie holte Wieland an den Hof, um ihren Sohn Carl August zu unterrichten, und sie schuf eine Atmosphäre, in der Bildung mehr zählte als Repräsentation. Als Carl August später Goethe einlud, in Weimar zu bleiben, war der Boden bereits bereitet. Goethe blieb über fünfzig Jahre und prägte die Stadt in jeder Hinsicht – als Dichter, als Minister, als Naturforscher und als Gestalter des Parks an der Ilm.
Friedrich Schiller kam später. Sein Verhältnis zu Goethe war zunächst spröde, dann freundschaftlich, dann produktiv. In wenigen Jahren entstanden zwischen den beiden Werke, die das gesamte deutsche Theater veränderten: „Wallenstein“, „Maria Stuart“, „Wilhelm Tell“ – Stücke, die bis heute auf den Bühnen stehen. Schiller starb früh, mit nur fünfundvierzig Jahren. Goethe überlebte ihn um fast drei Jahrzehnte und blieb bis zu seinem Tod neunzehnhundertzweiunddreißig der ungekrönte Geistesfürst der Stadt.
Theodor Hagen und die Weimarer Malerschule
Weimar war nicht nur eine Hochburg der Literatur, sondern auch der bildenden Kunst. Im neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich an der Großherzoglichen Kunstschule eine eigene Stilrichtung, die sogenannte Weimarer Malerschule. Theodor Hagen, ein Landschaftsmaler von erstaunlicher Sensibilität, gehörte zu ihren wichtigsten Vertretern. Seine Bilder zeigen die Landschaften Thüringens in einem feinen, oft melancholischen Licht – Wiesen im Nebel, kahle Bäume, Bauernhöfe unter weiten Himmeln.
Hagen war Lehrer und prägte eine Generation jüngerer Maler. Wer heute durch das Ilmtal wandert, erkennt seine Motive sofort wieder. Es lohnt sich, vor einer Wanderung einen Blick in eine Galerie zu werfen, die Hagen-Bilder zeigt – das Auge wird geschärft für Details, die man sonst übersehen hätte.
Das Bauhaus wird 100 – und wird immer noch jung
Im Jahr neunzehnhundertneunzehn gründete Walter Gropius in Weimar das Staatliche Bauhaus. Aus zwei bestehenden Schulen formte er eine neue Institution, in der Kunst, Handwerk und Architektur als Einheit gedacht werden sollten. Die ersten Lehrer waren so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Johannes Itten, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Die Studierenden lernten an der Drehbank ebenso wie an der Staffelei. Aus dieser Werkstatt-Idee entstanden Möbel, Lampen, Webereien, Drucke und Architekturentwürfe, die heute Ikonen der Moderne sind.
Schon nach wenigen Jahren wurde das Bauhaus aus Weimar vertrieben und nach Dessau verlegt, später nach Berlin, bis es neunzehnhundertdreiunddreißig durch das nationalsozialistische Regime aufgelöst wurde. Doch die Idee überlebte und verbreitete sich weltweit – über Emigranten in den USA, in Israel, in Mexiko. Heute beherbergt Weimar das Bauhaus-Museum, das die Geschichte und die Werkstattprodukte der Schule zugänglich macht. Das Haus am Horn, das erste in Bauhaus-Stil errichtete Wohngebäude, kann ebenfalls besichtigt werden.
Die Weimarer Republik – Geburt und Tragik der ersten deutschen Demokratie
Im Februar neunzehnhundertneunzehn trat in Weimar die Nationalversammlung zusammen, um nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Verfassung für Deutschland zu beschließen. Berlin war zu unruhig, das Deutsche Nationaltheater in Weimar bot dagegen ausreichend Platz und Sicherheit. Die hier verabschiedete Verfassung legte die Grundlagen einer parlamentarischen Demokratie und gewährte Frauen das Wahlrecht. Sie galt international als modern und vorbildlich.
Dass diese Republik schon vierzehn Jahre später durch den Aufstieg der Nationalsozialisten zerstört wurde, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte. Heute erinnern in Weimar mehrere Gedenkorte an diese Zeit, darunter das Haus der Weimarer Republik direkt am Theaterplatz. Wer hier eintritt, lernt eine Demokratie kennen, die zwar gescheitert ist, deren Ideen jedoch in das Grundgesetz von neunzehnhundertneunundvierzig eingeflossen sind und damit bis heute wirken.
Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott – die optische Revolution
Im benachbarten Jena, das durch das Ilmtal eng mit Weimar verbunden ist, wurde im neunzehnten Jahrhundert die moderne optische Industrie geboren. Carl Zeiss eröffnete dort eine kleine Werkstatt, in der er Mikroskope baute. Sein Geschäftspartner Ernst Abbe entwickelte die theoretischen Grundlagen, mit denen sich die Auflösung optischer Geräte erstmals systematisch berechnen ließ. Und Otto Schott erfand neue Glasarten, die die nötige Qualität lieferten. Das Zusammenspiel dieser drei Männer schuf nicht nur Produkte, sondern eine ganz neue Industrie.
Auch im sozialen Bereich war Zeiss ein Pionier. Die Carl-Zeiss-Stiftung, gegründet von Ernst Abbe, regelte schon im neunzehnten Jahrhundert Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch und Pensionsleistungen für die Mitarbeiter – Bedingungen, die anderswo erst Jahrzehnte später üblich wurden. Das Optische Museum in Jena dokumentiert diese Geschichte und zeigt, wie eng Wissenschaft, Handwerk und unternehmerische Verantwortung verzahnt waren.
Vergleich: Vier Epochen, ein Tal
| Epoche | Zeit | Wichtigste Namen | Bleibendes Erbe |
|---|---|---|---|
| Weimarer Klassik | ca. 1775 – 1832 | Goethe, Schiller, Herder, Wieland | Weltliteratur, Park an der Ilm |
| Optische Industrie | ab 1846 | Zeiss, Abbe, Schott | Mikroskopie, moderne Stiftungen |
| Weimarer Malerschule | ca. 1860 – 1900 | Theodor Hagen u. a. | Landschaftsmalerei Thüringens |
| Bauhaus | 1919 – 1925 in Weimar | Gropius, Klee, Kandinsky, Itten | Architektur, Design, Lehre |
| Weimarer Republik | 1919 – 1933 | Ebert, Stresemann u. v. m. | erste deutsche Demokratie |
Buchenwald – die schmerzhafte Schicht
Zur ehrlichen Geschichte des Ilmtals gehört auch der Ettersberg, jener bewaldete Hügel nördlich von Weimar, auf dem die Nationalsozialisten neunzehnhundertsiebenunddreißig das Konzentrationslager Buchenwald errichteten. Mehr als zweihundertfünfzigtausend Menschen aus über fünfzig Nationen wurden dort gefangen gehalten, etwa sechsundfünfzigtausend von ihnen wurden ermordet. Die Gedenkstätte ist heute eine der wichtigsten in Europa.
Wer Weimar besucht, sollte einen halben Tag für Buchenwald einplanen. Es ist kein angenehmer Ort, aber er gehört zur Stadt, und er gehört zu Deutschland. Die Nähe von Goethes Eiche zum Lager ist eine der bittersten Symboliken des zwanzigsten Jahrhunderts und mahnt, dass Kultur allein keine Garantie gegen Barbarei ist.
Was bleibt – und was Sie mitnehmen können
Eine Reise durch die Geschichte des Ilmtals ist immer auch eine Reise zu sich selbst. Die Themen, die hier in den letzten Jahrhunderten verhandelt wurden – das Verhältnis von Kunst und Politik, die Frage nach gerechter Arbeit, die Möglichkeit demokratischer Gestaltung, die Verantwortung gegenüber Verbrechen –, sind heute so aktuell wie damals. Vielleicht ist das die eigentliche Kraft dieser Region: dass sie nicht zur reinen Vergangenheit gehört, sondern Anstöße für die Gegenwart liefert. Wer mit offenen Augen durch Weimar, Jena, Ilmenau und die Dörfer dazwischen geht, kommt mit Fragen zurück, nicht nur mit Fotos.